Hausboot Reisebericht Burgund-Bresse Juni 2008

auf Seille und Saône

 

Die Crew: Wolfgang, unser Käptn, Günter als 2. Käptn, Stefan, Sigrun, Christina, Jutta, Hülya, Evi
Bootsverleih: Connoisseur/ Crown-Blue-Line
Boot: Valentré
Abfahrtsbasis: Branges/Seille
Dauer: 1 Woche, 7.-14. Juni ’08
Hin- und Rückfahrt Branges – Chagny
17 Schleusen einfach

 

Samstag, 7. Juni 08

Jutta:

9 Uhr Abfahrt in Stuttgart, 16 Uhr, Ankunft in Branges, endlich! Wir haben genug vom Auto fahren! Leider regnet es, aber zum Glück nur Nieselregen, dann kann man wenigstens trotzdem die Autos ausladen und das Boot entern. Unser Boot, die Valentré liegt bereit und los geht’s! Es läuft wie am Schnürchen, Stefan ist total fix und organisiert auch gleich die Verstauung der Lebensmittel in alle Schränke.

 

Colin, der nette Engländer, Chef der Basis in Branges, gibt uns die Bootseinweisung und fährt mit uns gleich los in die erste Schleuse, um uns zu zeigen, wie eine handbetriebene Schleuse zu betätigen ist. Es ist das erste Mal, dass wir so eine Schleuse erleben, ist echt interessant.

Aber heute ist eine besondere Situation auf diesem Fluss: es hat 3 Tage am Stück geregnet und der Fluss hat voll Hochwasser!! 2 Meter über Normalstand!! Alles sieht sehr abenteuerlich aus, am Ufer stehen alle Bäume meterhoch unter Wasser und am Ufer fehlt nur noch ein biss­chen und die Wiese wird geflutet. Auch in der Schleuse ist fast kein Höhenunterschied zu sehen. Wir haben Glück gehabt, sagt uns Colin, noch 20cm höher und der Fluss wird gesperrt! Wir schicken Stoßgebete zum Himmel, es möge aufhören zu regnen… Zum Glück besagt die Wettervorhersage, dass der Regen aufhören soll.

 

Christina: Wir fahren nach Louhans, ein Stück die Seille hinauf. Es ist kalt und nass und die Ersten frieren schon. Wir gehen ins Dorf, um irgendwo zu essen. In Louhans gibt es eine mittel­alterliche Straße mit 157 Arkaden. Wir gehen die Straße entlang, kein Häuschen gleicht dem anderen, wunderschön. Nach ein paar kleinen Diskussionen entscheiden wir uns im ’Cheval rouge’ einzukehren, einem sehr schönen Hotelrestaurant, um uns ein richtig schönes 3-Gänge-Menü zu Gemüte zu führen.

Jutta:

Es war wirklich ein super Essen! Alles ganz toll auf die Teller drapiert, alle Essen kamen gleich­zeitig, die Kellner sehr freund­lich, leckeren Burgunderwein dazu, einige von uns haben sich sogar an Frosch-Schenkel herangewagt… und die meisten haben das berühmte Bresse-Huhn probiert (das mit den blauen Füßen, ja, sie haben wirklich blaue Füße diese Hühner! und eine eintätowierte Km-Angabe der zurück­gelegten Laufstrecke, sagt Wolfi) – alles sehr lecker. Ein richtiges Festessen! Preise ok und ein echt elegantes Restaurant, aber nicht übertrieben – ländlich-eleganter Charme. Erschöpft fallen alle ins Bett. Unser Doppelbett ist verdammt eng! Ständig fällt mein Arm raus… meine erste Nacht ist nicht so gut…

Übrigens: das Anlanden in Louhans war echt schwierig, es gab eine starke Strömung, ich denke zum einen wegen des Hochwassers und zum anderen, weil an dieser Stelle mehrere Flüsse zusammen fließen. Wir haben einige Versuche gebraucht, bis es uns gelungen ist, am Steg festzumachen.

 

 

Sonntag, 8. Juni

Jutta:

Schon um 6.30 Uhr steht der Erste auf! Man hört alles auf diesem Boot! Ist sehr hellhörig – Stühle werden gerückt auf Deck, Fahrräder werden losgemacht – das kann ja nur der Stefan sein. Dann eher angenehme Geräusche: Kaffeetassen-Geklapper, Besteck-Geklingel. Unser erstes Frühstück im Salon. Stefan hat herrlich frisches Baguette und Croissants geholt – das ist ein angenehmer Ausgleich für die kurze und unbequeme Nacht. Und: es hat aufgehört zu regnen! Der Fluss hat aber immer noch mega Hochwasser. Wir fahren zurück nach Branges. Stefan holt seine ’Diplomarbeit’ heraus… er hat doch tatsächlich eine richtig aufwendige Broschüre erstellt mit allen touristischen und historischen Infos über die Region. Wir hatten ihn spaßeshalber dazu beauftragt und er hat eine halbe Diplomarbeit daraus gemacht. Respekt! In Branges wollen wir Colin noch mal wegen der Pumpe, die bei einem Klo nicht funktioniert befragen, aber es war niemand da an der Basis. Da haben wir uns schon etwas gewundert, weil es doch hieß, dass immer jemand Notdienst hat. Auch telefonisch war niemand zu erreichen. Zum Glück haben wir 2 Toiletten an Bord.

 

   

 

Dafür entdecken wir gleich neben der Bootsbasis eine Patisserie, die natürlich Sonntag­vormittag offen hat. Sofort los and a box of little sweet things gekauft UND: die Sonne kommt raus!! Alle rauf auf’s Deck, Tisch und Stühle aufgestellt, einen Cappucino gemacht and let’s celebrate the sun and this wonderful morning! Lecker – Genuss – schon wieder wie Gott in Frankreich!

Kein Colin erreichbar, egal, weiter – Stefan repariert die WC-Pumpe mit Gaffatape, diese Allzweck-Wunderwaffe, die auf keiner Bootstour fehlen darf. Überhaupt sollte man/frau immer ein Gaffatape dabei haben (für den unkundigen Leser: ein starkes Gewebeband, dass Musiker und auch Musikerinnen immer dabei haben, weil es für alles mögliche sau-praktisch ist!)

 

Jetzt geht’s flussabwärts mit zackigem Tempo – es herrscht eine starke Strömung, man muss geschickt mit der Strömung steuern. Teilweise ist es ein bisschen wie auf Glatteis zu fahren, weil es immer wieder Stellen mit riesigen Strudeln gibt und sich das Wasser unter dem Boot in alle möglichen Richtungen gleichzeitig bewegt. Ich finde es manchmal etwas unheimlich…

Aber es ist auch ein sehr abenteuerliches Gefühl, die Ufer rechts und links sind versunken, die Bäume unter Wasser, die Wiesen schon teilweise überflutet, aber schöne Wiesenlandschaften ziehen an uns vorbei, mit schönen, großen Bäumen durch­wachsen, weiße Chevrolet-Kühe (neue Unterrasse der berühmten Charolais-Rinder...) und eben­so weiße Bresse-Hühner rennen über die Wiesen. Und immer mehr Sonne! Wir sitzen alle genüsslich an Deck.

 

        

 

Dann die 2. Schleuse. Der Wasserstand ist so hoch, dass das Wasser oben grad so über die Schleusentore läuft. Kann das überhaupt noch funktionieren? Es gibt hier einen Schleusen­wärter, der uns sagt, dass es grenzwertig ist, noch ein bisschen mehr Wasser und die Schleuse funktioniert nicht mehr. Er hilft uns die Schleusentore aufzukurbeln, der Wasserdruck ist mächtig groß und ohne seine Hilfe hätten wir das nicht geschafft. Es geht gerade noch so. Nebenan ist ein Wehr, das Wasser schießt dort herunter wie ein Wasserfall, breit und mächtig, schon ein bisschen beängstigend diese Wassermassen. An der Schleuse befindet sich auch eine Zeltkneipe, die wir aber erst auf dem Rückweg zum einem unvergesslichen Besuch auf­suchen werden. Heute legen wir, gleich nach der Schleuse, am Ufer an ein paar Bäumen an, machen Mittagspause und essen an Deck. Endlich ist es warm genug. Hülya beginnt ihr Train­ing und geht 1 Std. joggen, wir anderen liegen faul an Deck und genießen die Sonne – herrlich!

 

 

Dann geht’s auf nach Cuisery, dem Bücherdorf, unser Ziel für diese Nacht. Es ist sehr malerisch auf diesem Fluss dahin zu gleiten. Hülya, Sigrun, Christina und Stefan üben sich unter Deck im Salon in einer langen Meditation nach einer CD mit eingebautem ’göttlichen Lachen’, das dann immer wieder mal nach oben dringt und uns wundern lässt, was da unten wohl abgeht???

 

Wir kommen rechtzeitig in Cuisery an, ein sehr idyllischer Anlegeplatz mit Camping­platz in einer Flussbiegung mit viel Schilf am Ufer. Sieht sehr einladend aus. Anlegen ist hier kein Problem und wir fahren dann gleich zu viert mit unseren Fahrrädern hoch nach Cuisery. Ein tolles, altes Dorf! Schöne, alte Häuser, teilweise unbewohnt und verfallen oder schöne, bunte Fensterläden, viel in blau, was so typisch ist für diese Gegend. Und dann lauter Bücher-Antiquariatsläden, schön hergerichtet mit blau, türkis, gelb, grün lackierter Vorderfront. Ein ganz zauberhaftes Ambiente und überall der Geruch von alten Büchern – ein wirklich morbider Charme!

 

Dann radeln wir wieder zurück zu unserm Boot, Abendessen machen – und stellen entsetzt fest, dass unser Gas aus ist! Das darf ja wohl nicht wahr sein! Unser erster Tag an Bord und schon ist die Gasflasche leer?? Aber der Chef der Capitainerie ist super! Er bringt uns mit seinem Radl sofort eine Ersatzgas­flasche und baut sie uns auch ein. Dann fragt er uns auch noch gleich, ob wir gern Baguette und Croissants zum Früh­stück wollen? und ob jemand Zigarette braucht? Wir bestellen von jedem etwas, wow, der ist unglaublich nett, hilfs­bereit und fix – das Maultaschen-Essen ist gerettet!

Hülya nutzt in der Zwischenzeit die Uferpromenade zum Joggen, da diese nicht so arg lang ist läuft sie jetzt schon zum 3. Mal vorbei. Welch eine Energie!

Nach dem Essen pilgern die fussball-geilen Besatzungsmitglieder Evi, Stefan und Christina noch mal ins Dorf hoch (wir Restlichen im Schlepptau hinterher), um das EM-Spiel Deutschland-Polen in einer Kneipe im Dorf an­zu­schauen. Wir landen in einer Kneipe, die ein Schweizer aus Bern betreibt, der neben seiner Kneipe auch noch jede Woche nach Bern zum arbeiten fährt. Verrückte Leute gibt’s… aber nett ist er. On our way back we get caught in the rain, aber richtig heftig, es schüttet und wir werden komplett durchgeweicht, die Hälfte von uns auf’m Radl. Alles ist grauselig nass und kalt! Zum Glück ist es warm und trocken in unserem Boot. Wieder mal fallen wir alle erschöpft ins Bett.

 

Montag, 9 Juni 08

Jutta:

Wir wachen auf und blinzeln in das glitzernde, sonnendurchflutete Licht über dem schnell dahin fließenden, sehr breit gewordenen Flüsschen Seille – herrlich! Endlich ist die Sonne da! Und unser super netter Chef de la Capitainerie hat auch schon Baguettes und Croissants gebracht, welch Service! Und: er hat auch schon bei der Connoisseur-Basis angerufen, damit sie uns eine neue Gasflasche bringen. Der Mechaniker taucht auch bald darauf auf und wir stellen fest, dass BEIDE Gasflaschen leer sind!! Er entschuldigt sich vielmals…

Ein herrlicher Morgen, tolles Wetter, viel Grün, das Hochwasser ist kurz davor die Wiesen zu fluten – das Ufer ist hier mit hohem Schilfgras bewachsen und die Boote stehen mitten drin – sieht echt schön aus. Außerdem gibt es hier gute Duschen, die ja auch zum Campingplatz gehören.

Dann los in diesen herrlichen Fluss! Und gleich eine Schleuse, wieder handbetrieben, aber mittlerweile haben wir’s voll im Griff, alles easy. Dann wieder herrliche, sanfte Wiesenland­schaften, üppiges Grün und volle Sonne. Es wird richtig heiß!

 

 

Rechts taucht ein einladender Anlegekai mit zwei Cafés am Ufer auf, direkt gegenüber der Schleuse von La Truchère – wir legen sofort an und gönnen uns Café au Lait und Pastis, mmh. Als wir zum Boot zurück laufen schwimmt gerade Christinas Isomatte an uns vorbei… sie hatte sie an Deck liegen lassen und der Wind hat sie weg geweht. Schnell Leinen los und auf zur Verfolgungsjagd, aber da naht schon das Wehr und weg ist sie…

 

Wir sind jetzt an der letzten Schleuse auf der Seille mit Schleusenwärter und einem malerischen Schleusenwärterhäuschen, ganz mit Efeu zugewachsen und blauen Fensterläden und davor rote Geranien. Stefan übernimmt das Steuer, er will unbedingt mit Powerslide in die große Saône einfahren! Wir sind alle sehr gespannt auf den großen Fluss. Von weitem sehen wir, wie ein riesiges Passagierschiff vorbei fährt – wow! Mit solchen Kalibern müssen wir uns ab jetzt arran­gieren… Die Fahrrinne bei der Einmündung ist kaum zu erkennen, alles ist überflutet. Aber Stefan hat’s im Griff, und dann nimmt uns dieser riesige, angeschwollene Fluss in seine mächtigen Wasser­massen auf. Wir fühlen uns schon etwas klein und verloren… und da wir flussaufwärts fahren, spüren wir die mächtige Strömung und unser Bootle muss ganz schön dagegen ankämpfen, wir kommen nur langsam voran. Ein ganz anderes Feeling als auf der Seille.

 

Und plötzlich ein schwarzes Krokodil im Wasser! Es schwimmt auf uns zu – es ist Christinas Isomatte!! Nicht zu fassen! Sie muss das Wehr runter geschwom­men sein und dann über den Seitenzufluss wieder in die große Saône gelangt sein. Und jetzt schwimmt sie gemütlich vor uns her, perfektes Timing! Aber wie ziehen wir die Isomatte aus’m Wasser? Wildes Ge­renne an Bord, alle Haken und Stöcke werden mobili­siert, Stefan steuert zielstrebig drauf zu… und… bingo! Hülya spießt sie mit ihrem Stock auf und zieht sie an Bord, unglaublich! Christina freut sich natürlich.

 

 

Und jetzt ist Piz Buin angesagt. Alle Mädels liegen plötzlich mit Bikinis an Deck – unser Boot hat eine maximale Liegefläche, super! Das ist wirklich ein großer Pluspunkt bei der Valentré, sie hat einen gemütlichen Außensteuerstand und eine riesige, ebene Liegefläche, wo ca. sechs Personen Platz haben. Das haben wir noch bei keinem anderen Boot erlebt. Es ist ein herrlicher Sonnentag und jeder bekommt irgendwo einen Sonnenbrand ab, aber wir ge­nießen alle die herrliche Sonne und dieses sanfte Dahingleiten auf diesem majestä­tischen Fluss! Man muss allerdings ständig schwimmenden Krokodilen (Holzstämme) ausweichen, damit keins in der Schraube stecken bleibt.

 

Bald sehen wir die spitzen Türme der Abbey von Tournus. Nach insgesamt 3 Std. Fahrt (ab Cuisery) sind wir schon um 15 Uhr in Tournus. Ein tolles, altes Städtchen mit uralten Häusern; wir entdecken eine ganz schmale Gasse, nur für Fußgänger, mit lauter Hinterfassaden der Häuser, die einen morbiden Charme ausstrahlen. Man fühlt sich ins Mittelalter zurück versetzt. Es gibt auch viele schöne, kleine Plätze und eine tolle Abtei. In einer netten Bar, wo Evi schon länger sitzt und wieder Fußball schaut (EM) zischen wir zum Abschluss unserer Stadtbesichti­gung noch Pastis und Panaché – häärrliisch!

 

Stefan ist heute für das Essen zuständig und es gibt chinesische Nudeln mit Mais und Thunfisch. Wir essen an Deck und genießen das Essen und die untergehende Sonne, die sich rötlich im Fluss spiegelt – very beautiful.

Beim Abspülen sehen wir immer wieder Hülya auf der Uferpromenade auftauchen – sie joggt, hin und her – here she comes again… sie hat echt Ausdauer, sie läuft eine Stunde, sie läuft wohl für uns alle mit. Ein paar spielen noch Karten – Stefan gewinnt dauernd und ist deprimiert, er sagt: ich hätte lieber Glück in der Liebe… Ein schöner Tag geht zu Ende, wir legen uns in unsere sanft wiegenden Kojen und lassen uns von dem Fluss in den Schlaf wiegen.

 

Dienstag, 10. Juni 08

Stefan:

Heute Morgen sind wir, Christina, Sigrun und ich noch mal zur Abbey gegangen (die schöne Kirche St. Philibert). Sie war offen und echt sehenswert. Am besten war die ’Crypta’, dort war ein tiefer Brunnen, mir war richtig unheimlich zumute, weil ich anfing daran zu denken, wie dort unten gefoltert wurde… Gott sei dank, half mir Christina mit ihrer netten Art, schnell auf andere Gedanken zu kommen.

Nach dem Frühstück fuhren wir los und der langweilige Teil begann… sonnenbaden… Wichtig ist es zu erwähnen, dass Hülya uns souverän durch die Brücke bei Ouroux fuhr, aber nach kurzer Zeit wurde ihr das Fahren schon langweilig und sie gab schnell auf.

 

 

Wolfgang:

Abfahrt von Tournus, wieder tolles Wetter morgens, nach dem dunklen Himmel gestern Abend an Deck. Die Mannschaft zerstreut sich noch vorm Frühstück in alle Winde, Hülya, Jutta und ich gehen joggen (wow, Juttis Premiere!), die anderen machen einen 2. Stadtbummel zur berühmten Klosterkirche. Erst gegen 11 Uhr kommen wir los, alle anderen am Ponton sind früher fertig… Stefan würde gern um 6 Uhr losfahren, bekommt aber Fahrverbot vom 1. und 2. Käptn! Die Strömung ist zu gefährlich, um alleine abzulegen.

 

            

 

Nach 7 km kommt die einzige Schleuse auf der Saône zwischen Seille und Chalon: von 2.50m Höhenunterschied bleibt fast nix übrig wegen des Hochwassers. Wir müssen alle Schwimm­westen anlegen, sonst gibt’s angeblich Fahrverbot! Evi hat’s Steuer und fährt schief in die Riesenschleuse rein, aber raus fährt sie schnurgerade.

 

Jutta:

Wieder ein fantastischer Sonnendeck-Tag! Die Wetter­vorher­sage hat diesbezüglich bisher genau gestimmt. Wir fahren an einer ausgedienten Schleuse vorbei, die zu einem kleinen Hafen umfunktioniert wurde – tolle Idee und das Schleusenwärter­häuschen ist ein Restaurant geworden. Ein malerischer Anblick. Schade, dass wir nicht schon wieder anhalten können…

 

Ansonsten findet am Steuer Fahrschule statt mit wechseln­den Probanden. Die breite Saône eignet sich hervorragend dafür. Es ist ein sehr gemütliches Fahren heute. Und wir kommen viel schneller voran als wir dachten, die Gegenströmung ist nicht so stark wie befürchtet. Was ich sehr schön finde, ist dass die Ufer meist von großen Bäumen gesäumt sind und wir ganz viel Vogelgezwitscher hören. Mehrmals haben wir auch schon den besonderen Gesang der Nachtigallen gehört – ich bin mir ziemlich sicher!

 

      

 

Sigrun: 14.30 Uhr Ankunft in Chalon-sur-Saône. Ein feines Mittagsvesper mit Salat auf Deck und dann sind wir alle von der Sonneneinstrahlung erst mal richtig geschafft und machen Siesta. Gegen halb fünf Spaziergang über die ’Restaurant-Insel’ weiter ins Städtchen, bummeln, Geschäfte ankucken - die französische Mode ist einfach pfiffiger als unsere und die Delikatessen lassen einen einfach nicht cool.


Auf dem großen Platz vor der Kirche St. Vincent mit dem überdimensionierten Kugel-Spring­brunnen haben wir uns in einem der vielen Cafés niedergelassen und ein paar Getränke zu uns genommen. Stefan hält es kaum aus, dass wir hier fürs Wasser nichts zahlen müssen und überlegt, ob er dafür für den Kaffee das doppelte hinlegt…Dann kühlt es ab, ein paar Tropfen fallen und wir gehen auf die Restaurant-Insel in ein tunesisches Restaurant, genießen Couscous, Tagine, Pastis und Minzetee, den der Kellner aus ½ Meter Höhe beeindruckend eingießt. Zurück in unserem Boot spielen wir noch zu sechst Tabu, in Stefans Variante: die Tabuwörter werden vorge­lesen und der Begriff muss erraten werden - und haben viel Spaß dabei.

 

Jutta:

Also diese Patisserien in Frankreich sind einfach eine Wucht!! Da kann ich nicht mehr bei klarem Verstand bleiben und würde am liebsten von allen Leckereien probieren.....

 

 

Mittwoch, 11. Juni 08 – HALBZEIT !!

Sigrun:

In unserer Gruppe ist von den Eulen bis zu den frühen Lerchen alles vertreten, d.h. es wird von halb 6 bis halb 9 aufgewacht. Das Boot ist sehr hellhörig und wenn jemand auf dem Deck einen Stuhl zur Seite schiebt, hört es sich an, wie wenn ein Riesen-Baustellen-Kommando am arbeiten ist… Heute geht es - nach dem kleinen Flüsschen Seille und der majestä­tisch breit dahin fließenden Saône – in unseren ersten Kanal, dem Canal du Centre und ich bin sehr angetan von diesem Kanal, obwohl ich ursprünglich auf keinem Kanal fahren wollte. Dadurch, dass er eher auf der Anhöhe ent­lang fließt, haben wir einen herrlichen Blick in herrliche Land­schaft. Heute ist Schleusentag. Wir wollen durch 12 !! Schleusen nach Chagny. Das Wetter macht wieder toll mit und heute werden alle 4 Räder (gemietet) auf dem europä­ischen Radweg, der hier, direkt neben dem Kanal beginnt, genutzt. Evi, Christina, Jutta und Wolfgang radeln,der Rest bleibt an Bord.

Ich steuere durch 6 Schleusen und genieße das Steuern und Konzentriert-Sein sehr. Die Schleusen sind so nah beieinander, dass man kaum aufs Klo kann zwischendurch. Die letzten zwei Schleusen sparen wir uns, nachdem Wolfgang uns gesimst hat, dass Chagny nicht viel hergibt. Günter dreht mitten auf dem Kanal, wir legen an und kaum haben wir fertig zu Mittag gegessen, fängt es an zu regnen, perfektes Timing! Die Radfahrer sind auch gerade angekommen.

 

Jutta:

Ja, das war wirklich just in time! Das Boot steht gerade in einer Schleuse, da fängt es an zu schütten! Ruck zuck alle Räder schnell an Bord und unter Deck! Zum Glück hört es bald wieder auf und schon kommt die Sonne wieder raus und es ist herrlich warm. Wir sitzen alle gemütlich an Deck und plötzlich – oh Schreck – steuert unser Boot scharf nach rechts, geradewegs auf die Uferböschung zu! Wir schrecken alle auf und brüllen: hey, hey, Käptn, was ist los??!! Günter, am Steuer, schreckt auf und reagiert, reißt das Steuer rum, aber zu spät, wir rumsen heftig an die Metall-Böschung – duffff – und es klirrt in der Küche, die Gläser haut’s ausm Schrank, alle an Bord sind hellwach, aber Günter bringt das Boot schnell wieder auf Kurs. Er war nur kurz abgelenkt, weil der Sonnenschirm an Deck zu nah am Steuer war… aber im engen Kanal ist das Ufer schnell da, das passiert auf der breiten Saône nicht so leicht… oder wollte Günter seinem Ruf als ’Crash Captain’ gerecht werden?? Just joking! Aber es gibt da so gewisse Erinnerungen…

Und dann regnet es auch schon wieder. Stefan und Wolfi haben den Sonnenschirm umfunktioniert und machen sich’s darunter gemütlich.

Jetzt kommen wir langsam unter Zeitdruck, wir wollen gern wieder in Chalon übernachten, dazu müssen wir aber die letzte Schleuse, die große 10-Meter-Schleuse bis 18.30 Uhr passieren. Müsste grad so reichen. Wir fahren mit Vollgas und heizen mit ca. 10 km/h durch den Kanal – wir wissen nicht, wie schnell wir fahren, wir haben keinen Km-Anzeiger nur Upm. Aber Mist, eine Schleuse reagiert wieder mal nicht, sie geht nicht auf. Wir versuchen zwar am Notrufknopf mit jemandem zu reden, aber es klappt nicht. Wir warten bestimmt 20 min. vor dieser Schleuse und irgendwann öffnet sie sich dann doch wie von Zauberhand. Aber die Zeit wird immer knapper. Wir genießen trotzdem das herrliche sanft-goldene Licht des Spätnachmittags und die romantische, sanft-hügelige Felder- und Wälder-Landschaft, durch die wir fahren.

Es wird knapp, wir versuchen sogar an der Schleuse anzurufen, leider stimmt die Tel.nr. nicht. Um 18.33 Uhr kommen wir an der Schleuse an, es ist niemand mehr da… es ist nicht zu fassen! Die Franzosen können ja genauso pingelig genau sein wie deutsche Beamte!! So ein Mist!

Man braucht also 4 Std. von Chagny bis zur letzten Schleuse, Wartezeiten eingerechnet, also inklusive Schleusenpuffer. Wir haben uns mal wieder voll verkalkuliert. Aber – alles hat wie immer 2 Seiten: wir fahren zurück bis zum Anleger von Fragnes, absolut idyllischer Anlegeplatz mitten in den grünen Wiesen uns gönnen uns erstmal einen Cappuccino mit Sweeties an Deck in der güldenen Abendsonne…

 

Donnerstag, 12. Juni 08

Jutta:

Morgens im Bett hören wir den wunderschönen Gesang von Nachtigallen. Dann, plötzlich, 8.30 Uhr wird der Motor angeworfen! Wow, so früh sind wir ja noch nie los! Käptn Wolfi hat’s heute wohl eilig. Die Hälfte der Crew liegt noch im Bett, das hat’s ja noch nie gegeben. Es gibt auch ein paar Meuterer: hey, was fällt dir ein schon los zu fahren und wir liegen noch im Bett?! Aber es ist auch sau-gemütlich im Bett zu liegen, das sanfte Brummen des Motors zu hören, das ebenso sanfte Wiegen unseres Bootes zu spüren und durchs Fenster die Bäume, Wiesen und Wolken vorbei ziehen zu sehen. Da könnte man glatt wieder einschlafen…Aber um 9 Uhr sind wir schon an der großen Schleuse, da gibt’s wieder was zu sehen. Und um 9.30 Uhr sind wir in Chalon, aber wir legen nicht an, sondern frühstücken an Deck während Wolfi in einem gemütlichen Tempo weiter fährt. Das ist auch eine ganz besondere Art zu frühstücken!
Stefan: 12.30 Uhr Ankunft in Tournus, das geht ja heute ruck zuck. In Tournus haben wir ziemliche ’Anlegeschwierigkeiten’. Die Strömung ist immer noch sehr stark. Wir versuchen innen am Steg anzulegen, aber die Strömung treibt uns schnell auf die Fußgängerbrücke und die Kaimauer zu. Es dauert eine ganze Weile, bis unser Wendemanöver gelingt, nachdem Sigrun die zur Wendung zur Verfügung stehende Breite ausgemessen hat. Nach Kirchenbesichtigung und Shopping gibt’s noch einen Kaffee an der Uferpromenade.

 

    

 

Dann Weiterfahrt bis Cuisery. Ankunft gegen 18.45 Uhr. Um 18 Uhr hat das Spiel Deutschland-Kroatien begonnen, also nichts wie hin zum Schweizer ins Lokal! Die Radfahrer kommen noch trocken an, die Fußgänger und Jogger (Hülya) geraten in einen Wolkenbruch. Deutschland verliert 2:1. Abends gibt’s auf dem Boot Linsen und Spätzle mit Saitenwürstle. Danach die Spiel­­runde Tabu ’umgekehrt’ bzw. ’rückwärts’.

 

Freitag, 13. Juni 08

Jutta:

Unser letzter Tag – schniiief. Am idyllischen Anlegesteg in Cuisery ist es einfach wunderbar. Man blickt auf die jetzt wieder gemächlich, dahin fließende Seille, gegenüber steht am Ufer stoisch ein Fischreiher zwischen den Seerosen und die Sonne glitzert schon wieder auf der Wasseroberfläche. Wir haben so ein Glück mit dem Wetter, super! Da wir gestern gut Strecke gemacht haben, haben wir heute viel Zeit für die Rück­fahrt. Bei einem ausgiebigen Streifzug durch die Buch­läden in Cuisery entdecken wir einen sagenhaften Buchladen: eine herrlich leuchtend türkise Fensterfront, innen ein Labyrinth an Gängen, dunkle geheimnisvolle Hinterräume mit unendliche vielen Büchern, sogar in einem alten Kamin sind Bücher hoch gestapelt, alte Bier­dosen als Regalstützen – einfach faszinierend dieser morbide Charme und soooo viele alte Bücher! Ich kann mich kaum losreißen. Der Buchhändler ist auch noch sehr nett, wir führen interessante Gespräche und ich kaufe 2 schöne Bildbände. Ein wirklich sehens­werter Buchladen!

 

Gemütlich tuckern wir flussaufwärts. Der Wasserspiegel ist bereits 1m bis 1.50m gefallen. Dann kommt die Schleuse mit dem Verkaufsstand und der Zeltkneipe und wird zu einem besonderen Erlebnis. Der Schleusenchef lädt uns zu einer Weinprobe ein, und nicht nur Wein, sondern immer noch was dazu: Kir, also Wein plus Cassis, dann Pampelmouse Rosé, Vin Rosé plus Grapefruit-Sirup, im Sommer sehr beliebt bei den Frauen, dann Peche blanc, Weißwein plus Pfirsichsirup, sehr beliebt bei den Männern – ein Glas nach dem anderen, es nimmt kein Ende. Wir kichern und albern rum… dann gibt es noch Senf mit Cassis und leckere Saucisson zum probieren.

Jeder will von den Leckereien was mitnehmen, für den Chef ein voller Erfolg! Aber er hat’s verdient – so charmant wie er uns verwöhnt hat. Diese Schleuse heißt bei uns von nun an: die Alkohol-Schleuse…

 

      

 

Wir fahren noch ein Stück weiter, dann legen wir spontan an einem Baum an. Sigrun hat die geniale Idee auf einer Wiese zu picknicken. Alles wird kurzerhand auf die Wiese getragen: Tisch und Stühle, Geschirr und Spaghetti al Pesto. Neben einer üppig blühenden Blumenwiese genießen wir ein herrliches, sonniges Mittagessen – wie Gott in Frankreich eben.

Damit es uns nicht langweilig wird, wirft Christina mal wieder etwas über Bord, diesmal ist es ihr Turnschuh… aber wir sind schon ein eingespieltes Team, Kehrtwende, dem Schuh hinterher und mit dem Haken rausgefischt.

 

    

 

Die Sonne scheint, alle sind an Deck und genießen die letzten Stunden Fahrt auf diesem schönen Fluss. Wir kommen noch rechtzeitig in Louhans an, um die Altstadt vor Ladenschluss zu besichtigen. Abends gönnen wir uns noch mal ein feudales 4-Gänge-Menü als Abschieds­essen, wieder im Cheval Rouge – nach ausgiebiger Recherche mit dem Fahrrad ist es das non-plus-ultra – und wir werden nicht enttäuscht, wieder ein absolut spitzenmäßiges Essen und ein­maliges Ambiente und gute Stimmung bei uns. Ein gelungener Abschluss!

 

Es wird sicherlich nicht unsere letzte Hausboot-Tour im Burgund sein!

 

      

 

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